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Proustforschung Identität

(6 posts)

  1. yarisha
    Mitglied

    Ich schreibe gerade eine Hausarbeit in der Uni über Proust und es geht um die HErstellung von Identität durch die Mémoire Involontaire. Wenn ich das richtig sehe, herrscht in der Proustforschung bis heute nicht wirklich Einigkeit darüber, ob sich duch die Mémoire involontaire ein konstantes Subjekt herstellt oder ob die Persönlichkeit Marcels dennoch gespalten bleibt? Kennt sich da vielleicht jemand besser aus? Herrscht heute Konsens oder ist es sinnvoll darüber nochmal einen Aufsatz zu schreiben? Welche "innovativeren" ASpekte könnte ich dazu nehmen? Vielen herzlichen DAnk!!

    vor 2 Monate veröffentlicht #
  2. bejoteff2
    Mitglied

    Hallo Yarisha, als ex-Dozent denke ich, dass Du Deine Arbeit selber schreiben solltest - ist ja sozusagen der Zweck der Übung! Jenseits davon jedoch: nein, ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, Marcels Persönlichkeit als "gespalten" zu betrachten. Mein Eindruck war vielmehr, dass er Einstein und Heisenberg vorausempfindet. Die Persönlichkeit ist keine Gegebenheit, die sich jetzt&hier betrachten ließe, sondern beschreibt eine Raumzeitkurve, die als Ganzes eben nur unter Einbezug ihrer Entwicklung sinnvoll betrachtet werden kann - deshalb die ständigen Rück- und Vorausgriffe. Soviel zu Einstein. Außerdem unterliegt die Persönlichkeit der Heisenbergschen Unschärferelation: je genauer man einen Aspekt betrachtet, desto unsicherer werden die anderen. Heisenberg hatte Glück: er brauchte nur zwei Aspekte (Ort und Impuls) zu unterscheiden. Die Persönlichkeit jedoch hat im allgemeinen reichlich davon - alle unscharf, ein Flickwerk (Prousts Schlüsselbegriff: Kaleidoskop) aus schlecht definierten (weil nur als Erinnerungen verfügbaren) Einzelerfahrungen, das insgesamt die Persönlichkeit im Ungreifbaren ansiedelt (man denke an die unfaßbare Albertine, die - in ihrer Rolle als ein Albert - die Unbestimmbarkeit des Ichs Marcels und damit Prousts widerspiegelt). Picasso ist übrigens ein weiteres Kind aus diesem relativistischen Quanten-Hort. Die beiden haben sich zwar gekannt und einander geschätzt, aber die Gemeinsamkeit wird wohl erst im Rückblick erkennbar. (Die Rel.-Theorie zumindest ist in der frz. Intellektuellen-Szene auf fruchtbaren Boden gefallen, der durch den populären (ja, das gibt's in Fr.!) Mathematiker Poincaré (mit dem sich Prousts guter Bekannter Valéry gründlich auseinandergesetzt hatte) und einen zu der Zeit durchaus modischen Kultur-Relativismus vorbereitet war (dazu könnte man sich auch mal Prousts Einstellung zur jüdischen Teilkultur anschauen)). Picasso, den Proust ebenfalls kannte und bewunderte, wird übrigens auch als ein Kind dieser relativistischen Krippe erkennbar, wenn man nur mal genau hinzuschauen versucht (die "Demoiselles d'Avignon" sind kaum Anderes als die vielfältige Albertine bzw. als Prousts "Demoiselles de Caen"). -- Konsens gibt es in den Geisteswissenschaften nicht; es gibt nur einen Gedanken, den zu verfolgen lohnt und den man dann auch verfolgen sollte. -- Hoffe, Anregungen gegeben zu haben. Gruß, BJF

    vor 2 Monate veröffentlicht #
  3. yarisha
    Mitglied

    Vielen Dank für die Antwort! ..da ist mir ein weiterer GEdanke gekommen: findet ihr nicht, dass Marcels Selbst-Findung im Temps retrouvé etwas "mythisches" hat? Herzlichen Dank

    vor 2 Monate veröffentlicht #
  4. bejoteff2
    Mitglied

    Diese zweite Frage ist so dumm, dass ich fast bedauere, die erste beantwortet zu haben. Andererseits wirst Du eben deshalb wahrscheinlich auch nichts mit ihr anfangen können, so dass es eh wurscht ist. Baci baci, BJF

    vor 2 Monate veröffentlicht #
  5. yarisha
    Mitglied

    Die Frage is sicherlich nicht dumm und ich finde so eine agressive Antwort ziemlich unangebracht. Wahrscheinlich hast du sie einfach nicht verstanden.

    vor 2 Monate veröffentlicht #
  6. DanR
    Mitglied

    Liebe Yarisha, auch ich bin Dozentin an der Universität und finde dein Thema sehr interessant. Der Ansatz wurde in der Proust-Forschung Ansatzweise auch schon verfolgt. Hinweise kannst du z.B. bei Genette finden und auch im 2002 erschienenen "L'univers constellé de Proust, Joyce et Faulkner". Viel Erfolg!

    vor 2 Monate veröffentlicht #

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