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vor 3 Jahre veröffentlicht #
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Was macht M. de Charlus in der Rue de Varenne?
»Die Täfelung ist von Bagard.(1) Was besonders hübsch ist, schauen Sie, sie ist passend zu den Beauvais-Sesseln und zu den Konsolen angefertigt. Beachten Sie, sie nimmt deren dekoratives Element auf. Es gibt nur zwei weitere Gebäude, in denen das so ist: den Louvre und das Palais von Monsieur d’Hinnisdal.(2) Aber natürlich hat sich sogleich, als ich in dieser Straße wohnen wollte, ein altes Hôtel Chimay (3) angefunden, das noch niemand jemals zu Gesicht bekommen hatte, weil es eigens für mich hierher gekommen ist. Insgesamt ist es in Ordnung. Es könnte vielleicht etwas besser sein, aber letztlich ist es nicht schlecht. Nicht wahr, es enthält hübsche Sachen, da ist das Porträt meiner Onkel, des Königs von Polen und des Königs von England, von Mignard.(4)«
(Guermantes, S. 1176 der einbändigen Recherche bei Gallimard Quarto in der Textfassung von Tadié, textgleich mit der Pléiade-Ausgabe 1987ff.)1 - Césard Bagard (1639–1709): Bildhauer und Holzschnitzer.
2 - Comte d’Hinnisdal (auch „Hinnisdael“; 1841–1922): Eigentümer des Hôtel Duprat (= Du Prat) in der Rue de Varenne Nr. 60 (erbaut 1728), dessen Innenausstattung zum Teil von dem berühmten Holzschnitzer Nicolas Pineau stammt; laut Vogely: Dictionary waren in einem der Räume die Pilaster mit den gleichen Motiven beschnitzt wie die Möbel dazwischen. R. de Montesquiou, der einige Züge zu de Charlus beigesteuert hat, wurde im Palais des Comte d’Hinnisdal geboren; zudem war Prousts Freund Lucien Daudet mit dem Grafen befreundet und 1917 zu Gast in dessen Palais. – Mit den folgenden Sätzen schickt Proust (oder Charlus) den Leser/Zuhörer - wie zum Hohn über das geringe Ausmaß seiner bzw. von Marcels Wißbegierde - auf eine kleine stadthistorische Schnitzeljagd („aber was erzähle ich Ihnen, Sie wissen das ebenso gut wie ich“); vgl. die nächsten beiden Anmerkungen.
3 - Hôtel Chimay: auf das bekannte und nicht zu übersehende Hôtel Chimay am Quai Malaquais Nr. 15+17 (1640 von Mansart erbaut) verweist der Beethoven, den man wenig weiter unten von irgendwo her hört: Nr. 13, also im Nachbarhaus, wohnte Beethovens Verleger Maurice Schlesinger. Dieses Hôtel Chimay - das, passend zum Bouillon-Sproß de Charlus, aus einem großen und einem kleinen „Palais Bouillon“ besteht - wurde jedoch schon 1883 von der École Nationale des Beaux-Arts gekauft (wie später auch die Nr. 13). Im Hôtel Chimay wohnten u. a. die Witwe von Charles I. sowie 1822 und 1823 der bekannte Arzt, Ballonfahrtpionier und Gatte der von Lamartine geliebten und in den Méditations besungenen Elvire (ca. 1785–1817), Jacques Charles (1746–1823). – In erster Linie aber dürfte Proust - insbes. auch in Hinblick auf die Erwähnung des Palais Hinnisdal in der Rue de Varenne und die Rede von „dieser“ Straße -, das (1703 erbaute) Palais des Prinzen François-Joseph von Chimay (1770–1843; Gatte der Mme. Tallien) in der Rue de Varenne Nr. 61 (vgl. Rochegude: Promenades) vor Augen gestanden haben, das im allgemeinen unter den Namen Hôtel de Mazarin oder Hôtel d’Étampes bekannt ist und wie Hinnisdals Hôtel von Nicolas Pineau ausgestattet wurde (vgl. Gallet: Architectes); damit würde die Rede von „den deutschen“ Guermantes in der Rue de Varenne (in Sodom) den deutschfreundlichen und weitgehend deutschstämmigen de Charlus meinen (wobei freilich der Plural etwas stört: Charlus’ Frau war eine Prinzessin von Bourbon). Der Wunsch des Balzac-Liebhabers und -Kenners Charlus, in der Rue de Varenne zu wohnen, ist zudem wohlmotiviert: in der Nr. 72 befindet sich das Hôtel de Castries der von Balzac heißgeliebten und als Duchesse de Langeais verewigten Marquise Claire-Clémence-Heriette-Claudine, geb. Maillé (1796–1861); zudem war ihr Schwiegervater, Armand-Charles-Augustin (1756–1842), nicht nur Marquis von Castries, sondern auch Graf von Charlus (ob der Titel auf ihren Mann Edmond-Eugène-Philippe-Hercule (1787–1866) übergangen ist, ließ sich nicht mit Sicherheit feststellen). Obendrein mag dem Baron, der seinen Vornamen „Palamède“ von sizilianischen Vorfahren herleitet, die Nähe zur Italienischen Botschaft (Nr. 50) gefallen.
4 - Mignard: Entweder Pierre Mignard (1610–95), der insbes. Mme. de Maintenon porträtierte; oder Nicolas Mignard (1606–68), von dem insbes. ein Porträt Ludwigs XIV. stammt. – Unter der Annahme, daß Charlus’ englische und polnische Verwandte sich zu Lebzeiten der Brüder Mignard in Frankreich aufgehalten haben müssen, um von ihnen porträtiert zu werden, könnte man zum König von England allenfalls, bei einiger sexueller und protokollarischer Großzügigkeit, auf ein Porträt der für ihre Schönheit berühmten Henriette d’Orléans (1644–1670), Tochter des Königs von England verweisen, das Pierre Mignard zugeschrieben wird (Verbleib unbekannt); und zum König von Polen auf ein sehr reizvolles, als anonym ausgewiesenes Porträt in Versailles, das man durchaus Pierre Mignard zuschreiben könnte und das den jungen Prinzen von Conti und Neffen des Grand Condé, François-Louis de Bourbon (1644–1709) zeigt (man beachte, daß Charlus’ Frau eine Bourbon war), der 1697 zum König von Polen gewählt wurde und es offiziell auch zwei Jahre lang war (obwohl er auf dem Weg zum Thron bereits in Danzig wieder umkehren mußte, da August von Sachsen schon darauf saß). Dieser König von Polen, der sich insbes. in der Schlacht von Fleurus 1690 auszeichnete („de Fleurus“ war ursprünglich als Name für de Charlus vorgesehen!), findet eine ausführliche Würdigung in den Memoiren Saint-Simons (zum Jahr 1708); auf die Bemerkung Saint-Simons, der Prinz („kokett mit allen Männern“) habe versucht, sich bei Schustern, Lakaien und Sänftenträgern ebenso beliebt zu machen wie bei Staatsministern, war wenig weiter oben bereits im Zusammenhang mit Charlus angespielt worden. – Eine englisch-polnische Vergangenheit verbindet sich mit dem Hôtel Gouffier in der Nr. 56 Rue de Varenne: es gehörte dem Schwager der Geliebten Louise-Renée de Penancoët de Kéroual des englischen Königs Charles II., und anschließend dem Schwager des Kanzlers des polnischen Königs Stanislas Leszczyński. – Obendrein hat Charlus in der Rue de Varenne nicht etwa zufällig Bilder von Mignard hängen: in der Nr. 58 (also neben Hinnisdals Hôtel Duprat und schräg gegenüber von Charlus’ „Hôtel Chimay“) befindet sich das Hôtel des Marquis Antoine de Feuquières und Schwagers von Pierre Mignards Tochter Catherine, die 1696 den Grafen von Feuquières heiratete.
5 - Charlus' Wunsch, in der Rue de Varenne zu wohnen, mag zusätzlich durch die Tatsache motiviert sein, daß gleich bei der Nr. 61 die Rue de Bourgogne kreuzt, in der sich die von ihm bevorzugte "théière" (zu dt. "Klappe") befindet.
vor 3 Jahre veröffentlicht # -
Naja, wenn keiner antwortet (was zum Beispiel ist denn mit Mignard?), dann muß ich es wohl selber tun. Allerdings hatte ich etwas mehr Kampfgeist in der Proust-Gemeinde erwartet.
Also hier die Antwort: er sammelt Hüte! Und zwar nicht etwa aus Daffke, sondern 1.), weil die Köpfe dazu sie nicht mehr brauchen, und 2.), weil es so wunderbar in den Subtext paßt (Fortsetzung der oben zitierten Passage):„Aber was erzähle ich Ihnen, Sie wissen das ebenso gut wie ich, schließlich haben Sie in diesem Salon gewartet. Nein? Ah!, dann hat man Sie also in den blauen Salon geführt« sagte er mit einer Miene, die vielleicht Hohn über das geringe Ausmaß meiner Wißbegierde ausdrückte, vielleicht aber auch persönliche Überlegenheit und daß er sich nicht erkundigt hatte, wo man mich hatte warten lassen. »Hier, in diesem Kabinett befinden sich alle Hüte, die von Madame Élizabeth, von der Prinzessin von Lamballe, und von der Königin (6) getragen wurden. Das interessiert Sie nicht, man möchte meinen, Sie sehen gar nichts. Vielleicht haben Sie eine Krankheit am Sehnerv. Wenn Ihnen diese Art von Schönheit besser gefällt, hier ist ein Regenbogen von Turner (7), der zwischen den beiden Rembrandts (8) gerade als Zeichen unserer Versöhnung zu leuchten beginnt. Hören Sie: Beethoven kommt hinzu.« Und tatsächlich konnte man die ersten Akkorde des dritten Satzes der Pastorale hören, ›Freude nach dem Sturm‹ (9), die nicht weit von uns, wahrscheinlich in der ersten Etage, von Musikern gespielt wurden.“
6 - Élisabeth Philippine Marie Hélène von Frankreich, genannt Madame (1764–94): Schwester Ludwigs XVI.; wurde unter dem Vorwand, die Krondiamanten gestohlen zu haben, mit der Guillotine hingerichtet. — Marie-Thérèse Louise de Savoie-Carignan, Princesse de Lamballe (1749–92): Vertraute Marie-Antoinettes; wurde bei den Massakern 1792 ermordet und ihr Kopf am Zellenfenster Marie-Antoinettes zur Schau gestellt. — „Die Königin“ dürfte in diesem Kontext dann Marie-Antoinette (1755–92) meinen, Frau Ludwigs XVI., die unter dem Vorwand, unzüchtige Beziehungen zu ihrem Sohn unterhalten zu haben, ebenfalls mit der Guillotine hingerichtet wurde. — De Charlus’ Sammlung geköpfter Hüte in der Rue de Varenne mag auch mit durch die Tatsache motiviert sein, daß diese drei Damen gemeinsam mit Ludwig XVI. bei der Flucht der königlichen Familie 1791 in Varennes (mit s) festgenommen wurden (dazu ein Stück Varennes von H. Lavedan und G. Lenôtre, Urauff. 1904 Th. S.-Bernhardt).
7 - Ein besonders prägnanter Regenbogen Turners findet sich vor einer Gewitterwand in dem Gemälde Lake Buttermere (1798). Unter der Voraussetzung, daß de Charlus sicherlich einen Pariser Regenbogen besitzt, wäre etwa auf den (noch recht schwach ausgeprägten) in The Hôtel de Ville and the Pont d’Arcole (1835) hinzuweisen; eingedenk der deutschen Wurzeln des Barons scheint mir jedoch das Aquarell Heidelberg with Rainbow (1841) von besonderem Interesse, bei dem sich der Regenbogen, den die Personen im Bild betrachten, offenbar außerhalb des Bildes beim Bildbetrachter - also zwischen Charlus und Marcel - befindet; links im Vordergrund findet sich zudem ‚der‘ Zeichner aus Rembrandts Landschaft mit drei Bäumen (vgl. nächste Fn.) wieder an. – Der Regenbogen wurde nach Gen. 9,13 von Gott als Zeichen des Bundes (i. a. als Zeichen der Versöhnung interpretiert) zwischen ihm und (allem Fleisch auf) der Erde nach der Sintflut an den Himmel gesetzt.
8 - Daß zu dem Turner und zur Pastoralen wohl nur Landschaftsbilder passen würden, macht die Suche nach den Rembrandts etwas einfacher, da es von ihm nur sehr wenige Landschaftsbilder gibt. Insbesondere die Motive Ruhe und Sturm vereinen sich beispielhaft und untrennbar in der ausgesprochen pastoralen Zeichnung Landschaft mit den drei Bäumen (1643; es sei auch an Hudimesnil erinnert), deren Schraffur oben links zumindest an den Ansatz zu einem Regenbogen und an abziehendes Unwetter denken läßt; im Mittelgrund links eine Bachszene; der Zeichner, der am rechten Rand nach rechts aus dem Bild hinausschaut, würde eine Fortsetzung dieses ‚Regenbogens‘ mit einem Prachtstück von Turner geradezu herausfordern; in Turners Heidelberg with Rainbow findet sich ‚dieser‘ Zeichner auch tatsächlich links im Vordergrund wieder (vgl. vorige Fn.). Als Pendant würde sich dazu stimmungsmäßig und thematisch vor allen anderen das gleichermaßen ruhevolle, sich von rechts oben eindunkelnde Gemälde Landschaft mit Steinbrücke (ca. 1640; vor 1817 bis 1883 in frz. Besitz) anbieten, dessen „zentrales Thema die Pilgerfahrt des Lebens ist, der mühevolle Weg, den der Mensch auf Erden zu gehen hat und der ihn zum ewigen Heil führt, wenn er nicht unterwegs einer der ihn bedrohenden, sündigen Verlockungen erliegt“ (Pieter van Thiel zum Bild in Brown: Rembrandt). Das Licht in der Steinbrücke erweckt wie Turners Heidelberg den Eindruck, daß sich im Vordergrund, weit vor der Bildebene, ein Regenbogen befindet; beide Rembrandts zusammengenommen liefern die zugehörige Rundung. Beide Rembrandts als auch der Turner enthalten Szenen am Bach / Fluß und illustrieren so zusätzlich noch den 2. Satz der Pastoralen. – Die Rede von „Gericht und Verdammung“ („jugement et condamnation“) wenig weiter unten ließe sich womöglich auch als Hinweis auf eine der zahlreichen Ecce-homo- und Kreuzigungsszenen Rembrandts deuten (von dem es keine jüngsten Gerichte gibt), in deren Zusammenhang ein Turner-Regenbogen freilich sowohl thematisch als auch stilistisch ganz entschieden deplaziert wäre.
9 - „La Joie après l’orage“; der dt. Titel „Frohe, dankbare Gefühle nach dem Sturm“ wird im Frz. i. a. mit „Sentiments de bonheur et de reconaissance après l’orage“ wiedergegeben. Es handelt sich um den vierten, nicht den dritten Satz der 6. Symphonie (gen. „Pastorale“) Beethovens. Der dritte Satz trägt den Titel „Lustiges Zusammensein der Landleute“; womöglich hat Proust hier ironisch zwei Konzepte in eines zusammengezogen, evtl. sogar in Hinblick auf das Liebespaar („lustiges Zusammensein“) in Rembrandts friedvoll-wetterverhangener Landschaft mit den drei Bäumen - wobei die Rembrandt-Turner-Bilderkombination (vgl. die vorangehenden Fn.) obendrein noch eine Anspielung auf den zweiten Satz enthält. – Zur möglichen Quelle der Musik vgl. oben, Fn. 3.Dies ist nun aber mein letzter Versuch, etwas Schwung in den Laden zu bringen. Wo zum Henker ("bougre") bleiben denn eigentlich die notorische Streitsucht, Besserwisserei, Rechthaberei und Neunmalklugheit der geisteswissenschaftlichen Branche, wenn man sie mal gebrauchen könnte?
Einigermaßen befremdet, bj.fischervor 2 Jahre veröffentlicht #
Antwort
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