Proust-Forum » proust-forum

Übriggebliebenes

(5 posts)

  1. bj-fischer
    Mitglied

    Zu "Nachgelassenes" S. 100f.
    Proust erzählt hier von einem Mann, dessen Vater der Herzogin von Berry zur Flucht verhalf, sowie von dessen Sohn.
    Mit der Herzogin von Berry muß hier Caroline-Ferdinande-Louise von Bourbon-Sizilien (1798–1870) gemeint sein. Die Person, die ihr zur Flucht nach Palermo verhalf, war Graf Ettore Lucchesi-Palli, 4. Herzog della Grazie (1806–1864), den die Herzogin 1831 in zweiter Ehe heimlich heiratete.
    Aus der Verbindung Ettore/Caroline ging nur ein Sohn hervor, nämlich Adinolfo di Campofranco (1840–1911), der 1860 Nicoletta Lucrezia Ruffo di Baguara (1841–1931) heiratete. Aus der Verbindung Adinolfo/Lucrezia gingen zwei Söhne hervor, Henrico und Pietro; Henrico lebte jedoch nachweislich in Österreich.
    Graf Pietro (1870–1939) heiratete 1906 Béatrix-Colomba de Bourbon, Prinzessin von Parma (1879–1915), eine Tochter von Marie-Pie des Grâces, Prinzessin von Bourbon-Sizilien, also der Verteidigerin von Gaëta und de Charlus in der Suche.

    Im "Tout-Paris" von 1901 sind ein Graf und eine Gräfin Lucchesi-Palli in der Rue de Miromesnil Nr. 20 (8. Arr.) verzeichnet, leider ohne Vornamen. 1909 findet sich dann kein Eintrag - evtl. weil das Paar gestorben ist? -, doch dann 1918 wieder, in der Rue Raspail Nr. 71 - also evtl. für den Sohn, der allerdings mit einer Marquise de San Fernando verheiratet war. Es kann sich also nicht um Adinolfo und Pietro Lucchesi-Palli selbst handeln (und auch nicht um einen Sohn von Pietro, der dann ja höchstens zwölf wäre), aber sicherlich um hinreichend enge Verwandtschaft, um Proust auf ihre Beziehungen zur Herzogin von Berry hinzuweisen.

    vor 2 Jahre veröffentlicht #
  2. bj-fischer
    Mitglied

    Zu "Nachgelassenes" S. 54.
    Die Villa persane in Trouville gehörte übrigens dem Herzog Boson de Talleyrand et de Sagan, dem Onkel des Proust-Freundes Boni de Castellane.

    vor 2 Jahre veröffentlicht #
  3. bj-fischer
    Mitglied

    Zu "Nachgelassenes" S. 521.
    Mit dem Namen "Gibert" ist nicht allzuviel los - als Nachname sogar relativ häufig, man denke nur an Joseph Gibert. Und eine Form des Komischen stellt er wohl höchstens dar, wenn man an phonetisch verwandte Begriffe wie "giberne" = "Patronentasche" oder eben "gibet" = "Galgen" denkt. Konkret dürfte Proust jedoch an Étienne Gibert denken (*1859), den Tenor der Opéra-Comique und vor allem Solisten der Concerts Lamoureux.
    Etwas mehr leistet da schon Gil Pérez: Ein auf den Philippinen stationierter spanischer Soldat, der am 24. Oktober 1593 unvermittelt und unangemeldet auf der Plaza Mayor von Mexiko City in voller Montur aufkreuzte - ohne zu wissen, wie er da hinkam. Teleportation hin oder her - er wußte immerhin, daß am Morgen seines Verschwindens/Auftauchens der Gouverneur von Manila geköpft worden war, was man in Mexiko auf dem regulären Wege erst zwei Monate später erfuhr und auch nur erfahren konnte. - Daß Proust, Th. Mann e tutti quanti ihre Nasen nicht aus dem Spiritualismus lassen können, ist ja bekannt und sei beklagt.

    vor 2 Jahre veröffentlicht #
  4. bj-fischer
    Mitglied

    Ach ja, noch zur selben Seite:
    Swan und Onoto sind - Kontinentaleuropäern sollte man das vielleicht doch ruhig sagen - zwei britische Füller-Edelmarken.

    vor 2 Jahre veröffentlicht #
  5. bj-fischer
    Mitglied

    Zu "Nachgelassenes" S. 324.
    Putbus: Grafengeschlecht auf Rügen. Der zeitlichen Situierung und dem Alter nach müßte es sich hier um eine andere Baronin Putbus handeln als die in Swann erwähnte; dort war Clotilde (*1809) als reale Hintergrundsfigur vermutet worden. Bei der Baronin in Sodom müßte es sich um eine der fünf Enkelinnen Clotildes handeln, geboren zwischen 1858 und 1867. – Zur Verbindung des Namens „Putbus“ mit erotischen Phantasien (die unten noch eine erhebliche Rolle spielen werden) vgl. frz. „pute“ [pyt] = „Hure“ und dt. „Buss“ = „Kuss“, sowie die phonetische Nähe von „Putbus“ = [pybys] im Frz. zu „pubis“ = [pybis] („Pubes, Schamhügel“). Zur sexuellen Ambivalenz der Kammerzofe vgl. den Hinweis in Pokorny: Indogermanisch zu „pu-t“ auf ein (hypothetisches) frühlat. „putos“ = „Penis“ (wie in „praeputium“). In einem Brief an R. Hahn von 1911 (Corr. Bd. 10 S. 333) aus Cabourg schreibt Proust: „Man hat Prinz Constantin R dabei überrascht, wie er sich gerade von Lady P den Sch. [la q.] lutschen [sucer] ließ“; Kolb merkt dazu an, daß Proust womöglich bei der Baronin Putbus an diese „Lady P“ gedacht habe; das würde immerhin bestätigen, daß Proust die Nebenbedeutung von „putbus“ als „Peniskuß“ nicht entgangen ist. Schon der ca. 1909/10 (vgl. Cahiers n. s. Nr. 3) ursprünglich vorgesehene Name „Picpus“ = „pique“ + „puce“ enthielt neben dem offenkundigen „Flohstich“ (der „sucer“ = „saugen“ geradezu zwangsläufig nach sich zieht) bereits die weniger harmlosen „pique“ = „Penis“ und „puce“ = „Freudenmädchen“; „faire les puces“: eine lesbische Vorstellung geben. (Mit „R“ ist zweifellos der schwerreiche und eigentlich als homosexuell bekannte Prinz Constantin von Radziwill gemeint; mit „Lady P“ wahrscheinlich Lady Sarah Pirbright geb. Phillips (1855–1914/16), mit der der Prinz um 1911 eine Affäre hatte (vgl. Corr. Bd. 19 Nr. 382) und die zuvor seit 1887 mit dem jüdischen Bankier Henry Freiherr von Worms, erster (seit 1885) und letzter Baron Pirbright of Pirbright (1840–1903), in dessen zweiter Ehe verheiratet gewesen war.) -- Im Picpus-Entwurf spricht Proust von einem „Hôpital Picpus“ (vgl. Nachgelassenes S. 324 und 633), das - unter Zuhilfenahme von Rochegude: Promenades - zusätzliches Licht auf die Namensfindung wirft: in Paris befindet sich im 12. Arr. eine Rue de Picpus, deren Name der Legende nach auf den Spitznamen „Père Picque Pusse“ eines Paters zurückgeht, der dort im 16. Jh. in einem Konvent lebte und für sein Mittel gegen Flöhe berühmt war. Dieses Konvent mag natürlich bereits dem „Hôpital“ zugrunde liegen; zudem aber befindet sich in Nr. 76 ein 1852 von den Rothschilds gegründetes jüdisches „Hôpital-Hospice“, in Nr. 82 eine „Polyclinique Rothschild“. Ferner liegt an der Rue de Picpus die private „Cimetière [Friedhof] de Picpus“ mit einem Massengrab für die Hingerichteten der Revolution, die auf der Place de la Nation guillotiniert worden waren - und an eben diesem Platz befindet sich (zumindest heute) ein „Hôpital Picpus“, das sich auf Abtreibungen spezialisiert haben soll. Auf dem Friedhof de Picpus ruhen u. a. Angehörige der mit Proust bekannten Familien Montmorency, Gramont, Noailles und Polignac, sowie die 1794 enthaupteten sechzehn Karmeliterinnen von Compiègne. Zu Prousts Zeit befanden sich zudem Nr. 35 nebst dem Friedhofsgelände das Gemeinschaftshaus und Nr. 37–41 das Konvent der „Dames de l’Adoration perpétuelle“ = „[Stifts-]Damen der immerwährenden Anbetung“, zu denen für Marcel ganz offenbar auch die Kammerzofe der Baronin gehört; für den ersten Teil der „Matinée Guermantes“ in Zeit war ursprünglich von Proust der Titel „L’Adoration perpétuelle“ vorgesehen. – Die Anregung zu einer Eindeutschung des Namens Picpus zu Putbus mag von der deutschen Geschichte ausgegangen sein, die sich mit dem Friedhof Picpus verbindet: die Prinzessin von Sigmaringen-Hohenlohe hatte insgeheim das Gelände mit dem revolutionären Massengrab aufgekauft und es zu einem Friedhof ausgestaltet, weil ihr Bruder, der Prinz zu Salm-Kyrburg, dort lag; 1802 wurde das Gelände dann übrigens von der Marquise Montagu-Noailles erworben, einer Tochter der ebenfalls hingerichteten Herzogin von Ayen. – Daß auch das Damenkonvent Sainte-Clotilde bei Nr. 42 an die Rue de Picpus grenzt, passend zur Putbus-Ahnin Clotilde, ist dann aber doch wohl eher ein glücklicher Zufall.

    vor 2 Jahre veröffentlicht #

RSS-Feed für dieses Thema

Antwort

Du musst angemeldet sein, um einen Beitrag zu schreiben.