"Wir fuhren an; es ging
am Bahnhof vorbei, und dann, nach einer Weile, bogen wir in einen ländlichen
Weg ein, der mir - von der Abzweigung, wo er zwischen bezaubernden Obstgärten
begann, bis zur beidseits von Äckern gesäumten Kurve, wo wir ihn verließen
- bald ebenso vertraut wurde wie jener von Combray. Auf den Feldern tauchten
vereinzelt Apfelbäume auf, die freilich ihre Blüten verloren hatten
und nur noch Büschel von griffelbesetzten Fruchtknoten trugen, aber dennoch
genügten, um mir ein Gefühl der Beglückung zu geben, denn ich
erkannte an ihnen die unvergleichlichen Blätter, über deren Fläche
wie über den Teppich einer für ein nun freilich verrauschtes Hochzeitsfest
errichteten Estrade noch eben die weiße Seidenschleppe der zart errötenden
Blüten hinwegglitten.
[...]
Bevor ich in den Wagen stieg, hatte ich mir die Meereslandschaft ausgemalt,
die ich sehen würde und unter 'strahlender Sonne' anzutreffen hoffte, die
ich aber in Balbec selbst immer nur bruchstücksweise zwischen allzu vielen
Enklaven des Alltäglichen erblickte, wie sie mein Traum nicht zuließ,
all den Badegästen nämlich, Kabinen und Vergnügungsjachten. Wenn
dann aber der Wagen von Madame de Villeparisis auf einem Hügel nahe der
Küste angekommen war und ich das Meer zwischen den Blättern der Bäume
aufschimmern sah, gewiß, dann verschwanden aus so weiter Entfernung jene
Einzelheiten aus der heutigen Zeit, die es gleichsam aus Natur und Geschichte
herausgehoben hatten, und beim Anblick seiner Fluten konnte ich mich nun dem
Gedanken ganz hingeben, daß sie die gleichen seien, die Leconte de Lisle
uns in seiner Orestie beschreibt, wo 'gleich einem Raubvogelzug im Morgenrot'
die langhaarigen Krieger des Hellas der Heldenzeit 'mit hunderttausend Rudern
die tönende Flut durchschifften'. Andererseits war ich dem Meer nicht mehr
nah genug, es kam mir nicht lebendig vor, sondern lag da wie erstarrt, ich fühlte
keine Kraft mehr unter seinen Farben, die zwischen den Blättern wie auf
einem Bild aufgetragen waren; es erschien dort ebenso substanzlos wie der Himmel,
nur dunkler getönt als er."
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - Im Schatten junger Mädchenblüte
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(c) mm 2000