Zitate aus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Anfang
Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Manchmal, die Kerze war kaum gelöscht, fielen mir die Augen so rasch zu, daß keine Zeit blieb, mir zu sagen: Ich schlafe ein. Und eine halbe Stunde später weckte mich der Gedanke, daß es Zeit sei, den Schlaf zu suchen; ich wollte das Buch fortlegen, das ich noch in Händen zu halten wähnte, und das Licht ausblasen; im Schlaf hatte ich weiter über das eben Gelesene nachgedacht, dieses Nachdenken aber hatte eine eigenümliche Wendung genommen: mir war, als sei ich selbst es, wovon das Buch sprach - eine Kirche, ein Quartett, die Rivalität zwischen Franz I. und Karl V. Diese Vorstellung hielt noch einige Sekunden nach meinem Erwachen an; mein Verstand stieß sich nicht an ihr, doch lag sie mir wie Schuppen auf den Augen und hinderte diese zu erkennen, daß die Leuchte nicht mehr brannte. Dann wurde sie immer unbegreiflicher, wie nach der Seelenwanderung das in einer früheren Existenz Gedachte; das Thema des Buches löste sich von mir, ich war frei, mich damit zu befassen oder nicht; bald gewann ich mein Sehvermögen zurück und war höchst erstaunt, um mich her eine Dunkelheit vorzufinden, die für meine Augen, aber mehr noch vielleicht für meinen Geist angenehm und erholsam war, dem sie etwas Grundloses, Unbegreifliches, wie etwas wahrhaft Dunkles erschien. Ich fragte mich, wie spät es wohl sei, ich hörte das Pfeifen der Züge, das bald nah, bald fern wie der Gesang eines Vogels im Wald die Entfernungen deutlich machte und mir die Weite des öden Landes beschrieb, wo der Reisende der nächsten Station entgegeneilt; und der schmale Weg, dem er folgt, wird sich seinem Gedächtnis einprägen durch die Erregung, die er neuen Orten verdankt, ungewohnten Handlungen, dem eben stattgefundenen Gespräch und dem Abschied unter der fremden Lampe, der ihm in der Stille der Nacht noch nachgeht, dem bevorstehenden Glück der Heimkehr. [...]
Doch es genügte, daß ich in meinem eigenen Bett tief schlief und mein Geist sich dabei völlig entspannte, damit ihm der Lageplan des Ortes entglitt, an dem ich eingeschlafen war; und wenn ich mitten in der Nacht erwachte, wußte ich nicht, wo ich mich befand und deshalb im ersten Augenblick nicht einmal, wer ich war; ich verspürte nur, ursprünglich, elementar, jenes Daseinsgefühl, wie es in einem Tier beben mag; ich war entblößter als ein Höhlenmensch; doch dann kam mir die Erinnerung - noch nicht an den Ort, an dem ich mich befand, wohl aber an einige andere, an denen ich gewohnt hatte und wo ich hätte sein können - gleichsam als Hilfe von oben her, um mich aus dem Nichts zu ziehen, aus dem ich von selbst nicht herausgefunden hätte; in einer Sekunde überflog ich Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte, und die verschwommen und flüchtig geschauten Bilder von Petroleumlampen und von Hemden mit Umlegekragen fügten nach und nach die originären Züge meines Ich wieder zusammen.

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Ende
Ein Gefühl der Ermüdung und des Grauens befiel mich bei dem Gedanken, daß diese ganze so lange Zeit nicht nur ohne Unterbrechung von mir gelebt, gedacht und wie ein körperliches Sekret abgelagert worden, und daß sie mein Leben, daß sie ich selber war, sondern, daß ich sie auch noch jede Minute bei mir behalten mußte, daß sie mich, der ich auf ihrem schwindelnden Gipfel hockte und mich nicht rühren konnte, ohne sie ins Gleiten zu bringen, gewissermaßen trug. Das Datum, zu dem ich das Geräusch des Glöckchens an der Gartentür in Combray gehört hatte, jenen Klang, der jetzt so fern und dennoch in mich eingebettet war, bildete einen Markstein in dieser unendlichen Weite, von deren Vorhandensein in mir ich im Grunde nichts geahnt hatte. Es schwindelte mir, wenn ich unter mir und trotz allem in mir, als sei ich viele Meilen hoch, so viele Jahre erblickte.
Ich begriff jetzt, weshalb der Herzog von Guermantes - an dem ich, als ich ihn auf seinem Stuhl sitzen sah, bewundert hatte, wie wenig er, obwohl er mehr Jahre als ich unter sich hatte, gealtert schien - als er sich erhob und stehenbleiben wollte, schwankend und nur mit Mühe sich auf versagenden Beinen hielt (wie einer jener alten Erzbischöfe, an denen nichts mehr Bestand zu haben scheint als das metallene Kreuz, um die aber muntere junge Seminaristen sich drängen) und nur zitternd wie ein Blatt sich noch vorwärtsbewegte auf dem unwegsamen Gipfel seiner dreiundachtzig Jahre, als ob die Menschen alle auf lebendigen, unaufhörlich wachsenden, manchmal mehr als kirchturmhohen Stelzen hockten, die schließlich das Gehen für sie beschwerlich und gefahrvoll machten, bis sie plötzlich von ihnen herunterfielen. Ich erschrak, weil die meinen bereits so lang waren unter meinen Schritten; es kam mir nicht so vor, als werde ich stark genug sein, noch lange die Vergangenheit bei mir festzuhalten, die nun schon unter mir so weit hinunterreichte. Wenigstens würde ich, wenn mir noch Kraft genug bliebe, um mein Werk zu vollenden, in ihm die Menschen (und wenn sie daraufhin auch wahren Monstren glichen) als Wesen beschreiben, die neben dem so beschränkten Anteil an Raum, der für sie ausgespart ist, einen im Gegensatz dazu unermeßlich ausgedehnten Platz - da sie ja gleichzeitig wie Riesen, die, in die Tiefe der Jahre getaucht, ganz weit auseinanderliegende Epochen streifen, zwischen die unendlich viele Tage geschoben sind - einnehmen in der ZEIT.

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Keltischer Aberglaube
Ich finde den keltischen Aberglauben sehr vernünftig, nach dem die Seelen der Lieben, die uns verlassen haben, in irgendein Wesen untergeordneter Art gebannt bleiben, ein Tier, eine Pflanze, ein unbelebtes Ding, tatsächlich verloren für uns bis zu jenem Tag, der für viele niemals kommt, an dem wir zufällig an dem Baum vorbeigehen oder in den Besitz des Dinges gelangen, in dem sie eingeschlossen sind. Dann horchen sie bebend auf, rufen uns an, und sobald wir sie erkennen, ist der Zauber gebrochen. Erlöst durch uns, besiegen sie den Tod und kehren ins Leben zu uns zurück

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Madeleine
Viele Jahre lang hatte von Combray außer dem, was der Schauplatz und das Drama meines Zubettgehens war, nichts mehr für mich existiert, als meine Mutter an einem Wintertag, an dem ich durchfroren nach Hause kam, mir vorschlug, ich solle entgegen meiner Gewohnheit eine Tasse Tee zu mir nehmen. Ich lehnte erst ab, besann mich aber, ich weiß nicht warum, eines anderen. Sie ließ daraufhin eines jener dicklichen, ovalen Sandtörtchen holen, die man 'Petites Madeleines' nennt und die aussehen, als habe man als Form dafür die gefächerte Schale einer Jakobs-Muschel benutzt. Gleich darauf führte ich, ohne mir etwas dabei zu denken, doch bedrückt über den trüben Tag und die Aussicht auf ein trauriges Morgen, einen Löffel Tee mit einem aufgeweichten kleinen Stück Madeleine darin an die Lippen. In der Sekunde nun, da dieser mit den Gebäckkrümeln gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein uerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Es hatte mir mit einem Schlag, die die Liebe, die Wechselfälle des Lebens gleichgültig werden lassen, seine Katastrophen ungefährlich, seine Kürze imaginär, und es erfüllte mich mit einer köstlichen Essenz; oder vielmehr: diese Essenz war nicht in mir, ich war sie selbst. Ich hatte aufgehört, mich mittelmäßig, zufallsbedingt, sterblich zu fühlen. Woher strömte diese mächtige Freude mir zu? Wo konnte ich sie fassen? Ich trinke einen zweiten Schluck und finde nichts anderes darin als im ersten, dann einen dritten, der mir etwas weniger davon schenkt als der vorige. Ich muß aufhören, denn die geheime Kraft des Trankes scheint nachzulassen. Es ist ganz offenbar, daß die Wahrheit, die ich suche, nicht in ihm ist, sondern in mir. [...] Ich stelle die Tasse ab und micht meinem Geist zu. Er muß die Wahrheit finden. Doch wie? Eine schwere Ungewißheit tritt ein, so oft der Geist sich von sich selbst überfordert fühlt, wenn er, der Forscher, zugleich das dunkle Land ist, das er erforschen muß und wo sein ganzes Gepäck ihm nichts nützt. Erforschen? Nicht nur das: Erschaffen. Er steht vor einem Etwas, das noch nicht ist, das nur er wirklich werden lassen und dann in sein eigenes Licht rücken kann. [...]
Sicherlich muß das, was auf dem Grund meines Ich in Bewegung geraten ist, das Bild, die visuelle Erinnerung sein, die zu diesem Geschmack gehört und die nun versucht, mit jenem bis zu mir zu gelangen. Doch sie müht sich in zu großer Ferne und nur allzu schwach erkennbar ab; kaum nehme ich einen gestaltlosen Lichtschein wahr, in dem sich der ungreifbare Wirbel der Farben vermischt und verliert; ich kann aber die Form nicht unterscheiden, nicht von ihr als dem einzig möglichen Dolmetscher erbitten, daß sie mir die Aussage ihres Begleiters, ihren unzertrennlichen Gefährten, des Geschmacks übersetzt, sie nicht fragen, um welche Begebenheit, um welche Epoche der Vergangenheit es sich handelt. [...]
Und mit einem Mal war die Erinnerung da. Der Geschmack war der jenes kleinen Stücks einer Madeleine, das mir am Sonntagmorgen in Combray (weil ich an diesem Tag vor dem Hochamt nicht aus dem Hause ging), sobald ich ihr in ihrem Zimmer guten Morgen sagte, meine Tante Léonie anbot, nachdem sie es in ihren schwarzen oder Lindenblütentee getaucht hatte.

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Japanische Spiele
Und wie in jenem Spiel, bei dem die Japaner in eine mit Wasser gefüllte Porzellanschale kleine Papierstückchen werfen, die sich zunächst nicht voneinander unterscheiden, dann aber, sobald sie sich vollgesogen haben, auseinandergehen, Umriß gewinnen, Farbe annehmen und deutliche Einzelheiten aufweisen, zu Blumen, Häusern, echten, erkennbaren Personen werden, ebenso stiegen jetzt alle Blumen unseres Gartens und die aus dem Park von Swann und die Seerosen auf der Vivonne und all die Leute aus dem Dorf und ihre kleinen Häuser und die Kirche und ganz Combray und seine Umgebung, all das, was nun Form und Festigkeit annahm, Stadt und Gärten, stieg auf aus meiner Tasse Tee.

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Elstir
Die größte Zahl derer, die mich umgaben, waren nicht, was ich am liebsten von ihm gesehen hätte, nämlich Bilder, die seiner ersten und zweiten Periode entstammten - wie eine auf dem Tisch im Salon des Grand-Hôtels herumliegende englische Kunstzeitschrift sagte -, der mythologischen und der von Japan beeinflußten, die alle beide, wie es hieß, ganz ausgezeichnet in der Sammlung der Madame de Guermantes vertreten seien. Natürlich standen jetzt in seinem Atelier fast nur hier in Balbec gemalte Seestücke. Sie verhalfen mir jedoch zur Erkenntnis, daß ihr Reiz in einer Art Metamorphose der dargestellten Dinge bestand, entsprechend derjenigen, die man in der Poesie als Metapher bezeichnet, und wenn Gottvater die Dinge schuf, indem er sie benannte, so schuf Elstir sie von neuem, indem er ihnen ihren Namen entzog oder ihnen einen anderen gab. Die Namen, mit denen die Dinge bezeichnet werden, entsprechen immer verstandesmäßigen Begriffen, die unseren wahren Eindrücken fernstehen und uns zwingen, von ihnen all das fortzulassen, was sich nicht auf diese Begriffe bezieht.
Manchmal, wenn ich im Hotel in Balbec an meinem Fenster stand, während Françoise die Decken fortnahm, die das Licht abwehren sollten, oder abends, während ich den Augenblick erwartete, da ich mit Saint-Loup im Wagen fortfahren würde, war es vorgekommen, daß ich auf Grund eines Lichteffekts einen düsteren Teil des Meeres für eine ferne Küste hielt oder mit Freude eine blaue, verfließende Zone bemerkte, ohne zu wissen, ob sie noch Himmel oder schon Meer war. Sehr schnell stellte mein Verstand dann zwischen den Elementen die Trennung wieder her, die der bloße Sinneseindruck ausgeschaltet hatte. [...] Aber gerade aus solchen seltenen Augenblicken, in denen man die Natur, wie sie ist, als reine Poesie erlebt, bestand das Werk Elstirs. Eine seiner häufigsten Metamorphosen in den Seestücken, die er zu der Zeit um sich hatte, bestand darin, daß er in einer vergleichenden Annäherung von Erde und Meer jede Grenzlinie zwischen ihnen verschwinden ließ. Dieser stillschweigend und unermüdlich in ein und demselben Bilde wiederholte Ausgleich führte jene vielgestaltige, machtvolle Einheit herbei, auf der, ohne daß es ihnen immer deutlich bewußt wurde, die Begeisterung mancher Verehrer der Kunst Elstirs beruhte.

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Der Hafen von Carquethuit
Für eine Metapher dieser Art hatte zum Beispiel Elstir - auf einem Bild, das den Hafen von Carquethuit darstellte, ein Werk, das eben erst vor wenigen Tagen vollendet worden war und das ich lange betrachtete - den Geist des Beschauers vorbereitet, indem er für das Städtchen nur maritime Ausdrucksmittel verwendete, für das Meer aber nur architekturale. Sei es nun, daß die Häuser einen Teil des Hafens verdeckten, eine Dockanlage oder vielleicht das Meer selbst, das, wie es in der Gegend von Balbec häufig der Fall ist, in tiefen Buchten in das Land eindringt, jedenfalls wurden auf der anderen Seite der vorgeschobenen Landzunge, auf der die Stadt gebaut war, die Dächer (wie von Schornsteinen oder Türmen) von Masten überragt, die aus den dazugehörigen Schiffen etwas gleichsam Städtisches, Erdgegründetes machten, ein Eindruck, den andere Schiffe noch verstärkten, die längs der Reede lagen, aber in so gedrängten Reihen, daß die Männer dort von einem Schiff zum anderen sich unterhielten, ohne daß man die trennende Wasserrinne erkennen konnte, und daß diese Fischerflotille weniger dem Meere zugehörig wirkte als zum Beispiel die Kirchen von Criquebec, die in der Ferne, allseits von Wasser umgeben, weil man sie ohne Stadt sah, von Sonne und Wellenschaum überstäubt, aus den Fluten aufzusteigen schienen, aus Alabaster oder aus Schaum geblasen und in den Gürtel eines schillernden Regenbogens eingewebt als ein unwirkliches, mystisches Bild. Im Vordergrund des Strandes hatte der Maler die Augen daran gewöhnt, keine feste Grenze, keine unbedingte Scheidelinie zwischen Land und Meer zu erkennen. Männer, die Boote ins Meer schoben, schienen ebensogut auf der Flut wie auf dem Sand zu laufen, der, von Feuchtigkeit durchzogen, bereits die Bootswände spiegelte, als ob er Wasser sei. Die Brandungslinie verlief nicht gleichmäßig, sondern entsprechend den Formungen der Küste, die durch die Perspektive noch zerklüfteter schien, so daß ein Schiff auf hoher See halb verborgen hinter den Außenwerken des Arsenals mitten in der Stadt zu schwimmen schien; Frauen, die zwischen den Klippen beim Krabbenfang waren, sahen aus, da sie von Wasser umgeben waren und da im Vergleich zu der kreisförmigen Schranke der Felsen der Strand (an den beiden dem Land zu gelegenen Seiten) so tief lag wie das Meer, als befänden sie sich in einer von Booten und Wellen überwölbten Grotte, die offen und doch beschützt inmitten der durch ein Wunder zerteilten Wogen lag. Schon als Ganzes vermittelte das Bild jenen Eindruck der Häfen, wo das Meer ins Land hineinreicht und das Land schon maritim, die Bevölkerung aber amphibisch geworden ist, doch die Macht des maritimen Elements brach sich auch in jedem seiner Teile Bahn; und nahe bei den Felsen, am Eingang des Hafendamms, wo das Meer kräftiger brandete, merkte man an dem Bemühen der Seeleute und der schrägen Stellung der Fischerboote - die im spitzen Winkel vor der ruhigen Vertikale der Speicher, der Kirche und der Häuser der Stadt lagen, die die einen vom Fischfang heimkehrend betraten, die anderen gerade zu diesem Zweck verließen -, daß sie von der Brandung so heftig geschüttelt wurden wie von einem feurigen, ungestümen Tier, das sie im Aufbäumen, wären sie nicht so geschickt gewesen, zu Boden geworfen hätte. Eine Schar von Ausflüglern verließ den Hafen in einem Boot, das wie ein Karren durchgeschüttelt wurde; ein fröhlicher, aber doch achtsamer Matrose lenkte es gleichsam wie an Zügeln, gab auf das heftig klatschende Segel acht, und jeder hielt sich vernünftig an seinem Platz, um das Gewicht nicht zu sehr auf eine Seite zu legen, so daß das Fahrzeug etwa kenterte, und so nun trotteten sie wie durch besonnte Felder in schattigen Lagen hinein, hügelauf, hügelab. Es war ein herrlicher Morgen trotz des Gewitters, das im Abziehen war, und man spürte auch noch, welch machtvollem Druck das schöne Gleichgewicht der unbeweglich daliegenden Boote standzuhalten hatte, während die Sonne und Kühle in jenen Teilen genossen, wo das Meer so still war, daß die Reflexe fast mehr Festigkeit und Wirklichkeit zu besitzen schienen als die durch einen Effekt des Sonnenlichts in Dunst sich auflösenden Schiffsrümpfe, die sich perspektivisch übereinanderschoben. Eigentlich wirkten sie sogar kaum wie verschiedene Teile ein und desselben Meeres, denn unter diesen Teilen gab es ebenso große Unterschiede wie zwischen einem beliebigen von ihnen und der aus den Fluten aufsteigenden Kirche oder den Schiffen hinter der Stadt. Erst der Verstand machte dann ein einziges Element aus dem, was hier schwarz und noch im düsteren Wetterschein, etwas weiter hin so blau und so blank wie der Himmel war, dort wiederum gleißend von Sonne, Dunst und Gischt, so kompakt, so erdhaft von Häusern erfaßt, daß man an eine Steinchaussee oder ein Schneefeld dachte, auf dem man mit erschrockenem Staunen ein Schiff scheinbar auf dem Trockenen einen steilen Abhang nehmen sah wie ein Wagen, der von Nässe triefend aus einer Furt auftaucht; wenn man aber gleich darauf auf der oberen, ungleichmäßigen Fläche dieses festen Plateaus schwankende Schiffe sah, begriff man, daß es sich bei aller Ungleichheit der verschiedenen Aspekte immer noch um das gleiche, identische Meer handelte.

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Die Bäume von Hudimesnil
Wir fuhren nach Hudimesnil hinab; plötzlich fühlte ich mich von jenem tiefen Glück erfüllt, das ich seit den Zeiten in Combray nicht mehr oft erlebt hatte, einem Glück ganz ähnlich dem, das mir unter anderem die Kirchtürme von Martinville schenkten. Doch erreichte es diesmal seine Vollendung nicht. Etwas abseits von der wellenförmig über einen Hügel führenden Landstraße, der wir folgten, hatte ich eben drei Bäume erblickt, die offenbar den Eingang bildeten zu einer überwölbten Allee und deren Form sich in einer Weise abzeichnete, wie ich sie nicht zum ersten Mal sah; es gelang mir nicht zu erkennen, von welchem Ort sie sich losgelöst haben mochten, doch hatte ich das Gefühl, er sei mir von früher her vertraut; nachdem mein Geist in dieser Weise einen Augenblick zwischen irgendeinem entlegenen Jahr und dem gegenwärtigen Augenblick hin und her gestrauchelt war, geriet die Umgebung von Balbec rings um mich her ins Schwanken, und ich fragte mich, ob diese Spazierfahrt nicht das Werk meiner Einbildung sei, Balbec ein Ort, den ich niemals anders denn in der Ohantasie aufgesucht, Madame de Villeparisis eine Gestalt aus einem Roman und die drei alten Bäume aber die Wirklichkeit, in die man zurückkehrt, wenn man die Augen von einem Buch hebt, in dem man gelesen hat und in dem die Gegend beschrieben wird, in die man sich am Ende tatsächlich versetzt meinte.
Ich schaute die drei Bäume an, ich sah sie deutlich vor mir, doch mein Geist spürte, daß sie etwas verdeckten, worüber er keine Macht besaß, so wenig wie über Gegenstände, die zu weit entfernt sind, als daß man sie mit gerecktem Arm und ausgestreckten Fingerspitzen anders als nur einen Augenblick an der Oberfläche streifen kann, ohne sie doch zu greifen. Man ruhte dann eine kurze Weile aus, um den Arm noch weiter auszustrecken und noch weiter reichen zu können. Doch damit mein Geist in dieser Weise sich hätte sammeln und ausholen können, hätte ich allein sein müssen. Wie gern hätte ich mich wieder auf die Seite geschlagen wie früher auf den Spaziergängen in Richtung Guermantes, wenn ich mich von meinen Eltern absonderte! Ich dachte sogar, ich hätte es tun müssen. Ich erkannte jenes ganz besondere Glücksgefühl wieder, das zwar dem Geist eine gewisse Denkarbeit abverlangt, neben dem aber die Annehmlichkeiten bequemer Unbekümmertheit, die einen darauf verzichten lassen, höchst mittelmäßig erscheinen. Dieses Glücksgefühl, dessen Gegenstand ich nun erahnte, den ich selbst erst erschaffen mußte, erlebte ich nur selten, doch jedesmal kam es mir dann so vor, als ob alles, was in der Zwischenzeit geschehen war, bedeutungslos sei und ich, würde ich mich allein seiner Wirklichkeit verschreiben, endlich ein wahres Leben beginnen können. [...] Wo hatte ich sie schon angeschaut? Um Combray herum gab es keinen Ort, wo sich in dieser Weise eine Allee auftat. [...] Ich wußte es nicht. Indessen kamen sie auf mich zu, mythische Erscheinungen vielleicht, ein Reigen von Hexen, von Nornen, die mir ihr Orakel verkünden wollten. Ich neigte eher dazu, sie für Erscheinungen aus der Vergangenheit zu halten, teure Kindheitsgefährten, entschwundene Freunde, die gemeinsame Erinnerungen wachrufen wollten. Wie Schatten schienen sie mich zu bitten, ich möchte sie mit mir nehmen, dem Dasein wiedergeben. In ihren kindlichen, leidenschaftlich bewegten Gebärden erkannte ich die ohnmächtige Trauer eines gebliebten Wesens wieder, das den gebrauch der Sprache verloren hat, das fühlt, es werde uns nicht sagen können, was es ausdrücken will und was wir nicht zu erraten vermögen. Bald darauf ließ sie der Wagen an einer Biegung des Weges hinter sich zurück. Er entführte mich, fort von dem, was allein ich für wahr hielt, was allein mich glücklich gemacht hätte; er glich meinem Leben.
Ich sah die Bäume entschwinden, sie streckten verzweifelt die Arme aus, ganz als wollten sie sagen: Was du heute von uns nicht erfährst, wirst du niemals erfahren. Wenn du uns auf den Grund dieses Weges zurücksinken läßt, aus dem wir uns bis zu dir haben heraufheben wollen, wird ein ganzer Teil deiner selbst, den wir bringen konnten, für immer verloren sein.

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Zwischenwände
'Oh, ich bitte dich', sagte sie. 'Es ist eine solche Freude für deine Großmama. Und vor allem vergiß nicht, an die Wand zu klopfen, wenn du etwas brauchst heute nacht, mein Bett steht mit dem Kopfende nach dem deinen zu, und die Zwischenwand ist dünn. Versuche es gleich einmal, wenn du dich hingelegt hast, damit wir sehen, ob wir uns auch gut verständigen können.'
Und tatsächlich klopfte ich an jenem Abend dreimal, was ich dann eine Woche darauf, als ich krank war, ein paar Tage lang jeden Morgen wiederholte, weil meine Großmutter mir schon gleich in der Frühe meine Milch bringen wollte. Wenn ich gehört zu haben glaubte, daß sie aufgewacht sei, wagte ich es dann - damit sie nicht wartete und gleich danach weiterschlafen könnte -, dreimal schüchtern, schwach, aber dennoch deutlich hörbar an die Wand zu pochen, denn wenn ich fürchtete, ihren Schlaf zu stören, falls ich mich getäuscht haben sollte und sie doch noch schliefe, wollte ich doch auch nicht, daß sie dauernd auf einen Appell von meiner Seite wartete, den sie vielleicht beim erstenmal nicht deutlich vernommen hätte und den ich nicht zu wiederholen wagte. Und kaum hatte ich meine drei Schläge an die Wand getan, als ich auch schon drei andere hörte, in einem anderen Tonfall, als die meinen ihn hatten, von ruhiger Autorität geprägt; sie wurden um der größeren Deutlichkeit willen noch zweimal wiederholt und bedeuteten: Sorg dich nicht, ich habe gehört, ein paar Minuten noch, dann bin ich da; und sehr bald darauf trat meine Großmutter ein. Ich sagte ihr, ich hätte Angst gehabt, sie werde mich nicht hören oder glauben, ein Nachbar habe geklopft; sie aber lachte nur:
'Wie, ich sollte nicht heraushören, ob mein kleiner Schatz oder ein anderer bei mir klopft? Aber unter Tausenden hätte deine Großmutter dein Pochen herausgehört! Meinst du, es gibt noch ein zweites auf der Welt, das so täppisch klingt und so fieberhaft ängstlich, ob es mich auch nicht aus dem Schlaf weckt oder aber zu schwach ist, als daß ich es hören kann? Auch wenn mein Spatz an die Wand nur pickte, würde man wissen, daß er es war, so einzigartig und so rührend, wie er ist. Ich hatte ihn doch auch jetzt schon einen Augenblick vorher gehört, wie er zögerte, sich im Bett umdrehte und auch sonst noch alles mögliche unternahm.'

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Kraftvergeudung
Manchmal verwandelt man alle Seelenkräfte in Grazie
und Glanz, nur um auf Wesen einzuwirken, von denen
wir feststellen müssen, daß sie ihren Platz nun einmal außerhalb von uns haben und niemals für uns erreichbar sind.

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Krankheit

Im Zustand der Krankheit merken wir, daß wir nicht allein existieren, sondern an ein Wesen aus einem ganz anderen Reich gefesselt sind, von dem uns Abgründe trennen, das uns nicht kennt und dem wir uns unmöglich verständlich machen können: unseren Körper.

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Weitere Zitate befinden sich vor den Bildern im Abschnitt Proust-Zeit in alten Ansichtskarten.

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